Überbrückungshilfen für systemirrelevante Gesellschaftsschmarotzer

Falls Ihr Euch fragt, warum Ihr seit 6 Monaten kein Wort von mir gelesen oder gehört habt: Es gibt einfach nichts zu sagen. Es ist absolut nichts passiert. Keine Neuigkeiten, einfach gähnende Leere. Seit Beginn der Pandemie lässt man meinen Berufsstand (und viele andere) am ausgestreckten Arm verhungern. Seit 1998 bin ich Berufsmusiker und zahle alles selbst, von Sozialbeiträgen, Steuern und Abgaben über mein Equipment bis hin zu so etwas unwichtigem wie Lebenshaltungskosten. Ich hatte noch nie Schulden bei der Bank, fahre billige, gebrauchte Autos und lasse mir die Haare von meiner Frau schneiden um das Geld für den Friseur zu sparen. Ich habe alles richtig gemacht – zum Beispiel (wie für Selbstständige empfohlen) jedes Jahr ein wenig Geld zur Seite gelegt, denn wir müssen ja für unser Alter selbst vorsorgen. Macht ja nichts, dass ich dieses Geld jetzt aufbrauche.

Von mir gibt es keine politischen Äußerungen, keine Kritik an Corona-Maßnahmen, kein Gejammer und keine Hilferufe.

Ich komme schon klar, aber meine Wut über die vollkommene Ignoranz mit der die Kulturbranche von allen Seiten bedacht wird möchte ich hier kurz äußern – denn wenn ich von Nachbarn, Bekannten und Verwandten in den letzten Monaten (nach dem ersten Lockdown) immer wieder hören muss „na, läuft sicher nicht so gut bei Euch Künstlern – aber Ihr könnt doch jetzt auch wieder auftreten! Wird doch besser, oder?“ dann platzt mir fast der Kragen. Was der Durchschnittsdeutsche nicht verstehen kann, ist dass GAR NICHTS geht.

Deshalb, ganz ohne Jammern, für alle zur Verdeutlichung:


Ich habe dieses Jahr ein Viertel dessen verdient, was ich zum Leben brauche. Die Einnahmen stammen aus den Monaten  Januar und Februar, plus meine GEMA-Tantiemen, die aber aus dem letzten Jahr berechnet werden. 2021 werde ich kein Geld von der GEMA bekommen, das drückt den Jahresgewinn ganz schön nach unten.


Ich habe als Staatshilfe die berühmten 3×1000 Euro bekommen, die anderen Überbrückungshilfen habe ich nicht beantragt. Zum Glück wie sich jetzt herausstellt, denn zwei Kollegen aus meinem näheren Umfeld haben bereits ein Verfahren wegen „Subventionsbetrugs“ am Hals, weil sie vermutlich ihre Staatshilfen dafür verwendet haben sich etwas zu fressen zu kaufen statt teure Leasingfahrzeuge davon zu bezahlen.


Ich bekomme keine Grundsicherung, da meine Lebensgefährtin Geld verdient. „Bedarfsgemeinschaft“ nennt man das. Sie arbeitet übrigens in einem der tollsten, bestbezahlten Berufe der Welt: Sie ist Krankenschwester. Halbtags. Schon klar, dass man da als Musiker keine Kohle in dieser Ausnahmesituation vom Staat bekommt, ist doch völlig nachvollziehbar.


Ich bekomme kein Wohngeld oder andere Hilfen, weil für die Feststellung des Bedarfs als Einkommensnachweis meine Steuererklärung für das Jahr 2019 herangezogen wird. Weil ich also letztes Jahr genug Geld verdient habe, bekomme ich in Pandemiezeiten kein Wohngeld. Nächstes Jahr bekomme ich eventuell welches, mit den Zahlen von 2020. Sollte ich allerdings nächstes Jahr wieder Geld verdienen (ZU VIEL Geld meine ich damit), muss ich 2022 das Wohngeld von 2021 zurückzahlen und bekomme dann wieder für ein Jahr keines. Geil, oder?


Auf meinen Artikel „Ihr seid das Soforthilfe – Paket für Musiker“ gab es viel Zuspruch und aufmunternde Worte, danke dafür. Ganz besonders möchte ich mich aber bei denen bedanken, die das Paket auch gekauft haben – also bei allen vieren. Ganz genau, vier Leute haben 9,99€ ausgegeben für alle meine verfügbaren Alben in digitaler Form. Das sind fast vierzig Euro, vor Steuern. Woo – Hoo!


Jetzt haben wir den sogenannten „Lockdown light“. Der ist deswegen „light“, weil die ganzen Geschäfte in denen man sich Designerjeans und Parfum kaufen kann noch offen haben, so dass Chantal und Kevin nicht auf ihren Luxusgut-Konsum verzichten müssen. Wäre ja auch beschissen, wenn man die ganze Zeit nur die Kleider anziehen könnte, die man schon im Schrank hat. Natürlich habe ich volles Verständnis für Maßnahmen, die mein Lieblingsvirus an der Verbreitung hindern, denn man ist lebendig ja viel besser dran als wenn man tot wäre! Spitze wäre es, wenn man in diesem Zusammenhang die großmäulig angekündigten Überbrückungshilfen für solche systemirrelevanten Gesellschaftsschmarotzer wie mich und eine Million Kollegen in der Veranstaltungsbranche auch mal zugänglich machen würde. Wie wärs denn mal mit einem verf****en Antragsformular?



Zusammenfassend kann man sagen, dass es mir reicht. Ich setze mich einfach an mein Lagerfeuer und halte mein Maul,

bis alle meine Kollegen auf, neben und hinter der Bühne pleite sind und die gesamte Veranstaltungswirtschaft, Gastronomie und Soloselbstständigen am Arsch sind. Das wird eine schöne Welt, ohne diese ganzen Leute die sowieso immer bis mittags ihren Rausch ausschlafen, um dann ihre Jobs (haben wir nicht alle aus Spaß an der Freude unsere Hobbies zum Beruf gemacht?) gegen Mindestlohnarbeiten einzutauschen.


Ich bin ein bestens ausgebildeter, hochspezialisierter Facharbeiter, der seit 20 Jahren tausende von Menschen mit besten Arbeitsergebnissen versorgt und sich seinen Erfolg hart erarbeitet hat. Der nächste der mir rät mit der „Kunst“ aufzuhören und jetzt doch einfach „bei ALDI Regale einzuräumen“ ist für mich gestorben. 

Wundert Euch nicht wenn es jetzt hier wieder still wird, ich habe zu dem Ganzen nicht mehr viel zu sagen. Wir sehen uns vielleicht irgendwann auf einer Bühne wieder, vielleicht aber auch nur am Lagerfeuer. Passt auf Euch auf, bis irgendwann.

2 Gedanken zu „Überbrückungshilfen für systemirrelevante Gesellschaftsschmarotzer

  1. Ich stimme dir zu 100 Prozent zu, auch ich bin ein nicht so wichtiges Teil in diesem großen Puzzle.
    Bin hotelfachfrau und arbeite seit 15 Jahren in der Veranstaltungsbranche als freier Mitarbeiter.
    Viel muss ich nicht mehr dazu sagen, denn als ich meine zusätzliche teilzeit, auch im Gastgewerbe, im Juni nach 3 Monaten Kurzarbeit, verloren habe, habe ich mich sofort als Verkäuferin beworben.
    Ein systemrelevanten Job, dachte ich, aber nicht in einem Geschäft mit spanischen Schuhen zum Swing tanzen und auch als Straßenschuhe.
    Denn ohne Veranstaltungen und feiern, aber lassen wir das.
    Ich habe im September angefangen, mit einem unbefristeten Vertrag in teilzeit, da das immer meine Absicherung ist als selbstständige um die teure Krankenversicherung nicht alleine zu tragen und um Falle einer Arbeitslosigkeit, abgesichert zu sein, damit man kein hartz IV beantragen muss.
    Nun denn, ich musste es in diesem Jahr leider tun und habe knapp 800,-€ im Monat von denen ich 350,- € kosten trage.
    Denn zum Glück ist meine Tochter noch bei mir gemeldet und so zahle ich nur 300,- € Miete von 700,- €.
    Meine Mutter hat 100,- € davon übernommen und die Kosten für Strom.
    Ich beklage mich nicht, ich habe zu Essen und trinken und ein warmes zu Hause.
    Wenn auch das Jobcenter meint, das ich im Falle dass das ganze länger dauert und meine Tochter mit ihrem Freund zusammen zieht in dieser Zeit, ich entweder untervermietet oder ausziehe , in eine kleinere Wohnung.
    Grins, die sind entweder in einem Assi Viertel oder teurer als meine Wohnung.
    Soviel dazu und auch die Obdachlosen werden vergessen, die unterstützen meine Mutter, Tochter und ich , in dem wir warme Sachen verteilen, selbst gestrickte Mützen und Schals und Lebensmittel und Kosmetikartikel.
    So und nun komme ich ans Lagerfeuer und wir singen gemeinsam……🙏🍀❤

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